Im Blaufuhren-Quartier kommt es zu einem tragischen Vorfall. Ein Mann erschiesst seinen Bruder und sich selber. Im Dorf wird gerätselt, wie es soweit kommen konnte. Die Brüder waren ihr ganzes Leben zusammen.

Bericht von der Berner Zeitung BZ

Mit einem Karabiner erschoss ein Mann (67) am Mittwoch in Wasen seinen Bruder. Anschliessend nahm er sich das Leben. Das Opfer wäre gestern 65 Jahre alt geworden. Die Motive für das Tötungs-delikt liegen im Dunkeln.

Einladend sieht es aus, dieses Wohnquartier in Wasen bei Sumiswald: Die Plätze vor den schmucken Einfamilienhäuschen sind sauber gewischt, die Rasenflächen akkurat gepflegt.

Ein Verbrechen? Hier? Undenkbar.

Am Donnerstagmorgen fahren an der idyllisch gelegenen Strasse Polizisten vor. Nachdem niemand auf ihr Klingeln reagiert, verschaffen sie sich Zutritt zum Haus.

Als sie das Schlafzimmer betreten, wissen sie, wieso E.* am Morgen nicht im Betrieb erschienen ist. Und sich, was für ihn ungewöhnlich war, auch nicht bei seinen Vorgesetzten und Kollegen abgemeldet hatte:

E. liegt tot in seinem Bett. Den Mann, der ihn erschossen hat, entdecken die Beamten im Treppenhaus. Auch in ihm ist kein Leben mehr. Er hat sich selber gerichtet. Der tote Mann mit dem Karabiner ist der um drei Jahre ältere Bruder des toten Mannes im Bett. Der Jüngere wäre gestern 65 Jahre alt geworden. Bis zur Pensionierung fehlten ihm noch ein paar Tage.Von der Alp ins Eigenheim

E. und F., erzählen gute Bekannte der Verstorbenen, hätten «das ganze Leben miteinander verbracht». Ihren Unterhalt verdienten sie sich mit dem Hüten von allerlei Vieh auf der Lüdernalp. Vor zwei Jahren kehrten sie den Weiden den Rücken und kauften zusammen ein Haus. Aktiv blieben sie auch nach ihrem Abstieg vom Hügel: F. half bei Leuten aus, die seine starken Hände benötigten. E. arbeitete Tag für Tag in einem Forstbetrieb und war aktiver Jodler.Hintergründe im Dunkeln

Wieso F. zuerst seinen Bruder und dann sich selber getötet haben könnte, ist den Leuten in Wasen ein Rätsel. Auch die Polizei schreibt, sie könne zur Tatzeit, zum Hintergrund und zum Hergang der Tragödie keine Angaben machen. Hinweise darauf, dass Drittpersonen in das Geschehen verwickelt gewesen sein könnten, gebe es keine.«Am Geld lag es kaum»

«Ich habe am Montag noch mit ihm geholzt und ganz normal geredet. Nichts hat darauf hingedeutet, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte», sagt ein Mann. «Am Geld lag es kaum», ergänzt sein Kumpel: «Wenn sie gewollt hätten, hätten sie sich zwei Häuser leisten können.» Als weiteres Motiv käme eine Frauengeschichte in Frage. «Dazu sage ich nichts», sagt ein Gast im Rössli, der dank seines engmaschigen Beziehungsnetzes weiss, was sich nach dem Eintreffen der Polizei am Tatort abgespielt hatte.«Kein Wunder»

«Manchmal ahnte man schon, dass die beiden das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne hatten», heisst es im Rössli. Ein Herz und eine Seele seien die ledigen Brüder, die regelmässig im Dorf gesehen wurden, ohne je negativ aufgefallen zu sein, nicht immer gewesen.

«Aber das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viel Zeit E. und F. miteinander verbracht haben. Nach all den Jahrzehnten geht man sich zwischendurch doch automatisch auf die Nerven», wirft ein Beizenbesucher ein.Die Zeit steht still

In dem idyllischen Quartier, in dem sich die Bluttat abgespielt hat, scheint die Zeit in dem Moment stillgestanden zu sein, in dem der letzte Schuss fiel. Ein Rentnerpaar beobachtet die Fremden auf ihrer Suche nach dem Haus von E. und F. Ansonsten ist niemand zu sehen und kein Laut zu hören.

Ein Verbrechen? In dieser Idylle? Undenkbar.

Auch jetzt noch. (Quelle: Berner Zeitung BZ vom 17. April 2010)