Es gab bereis einen Weg, aber keine ausgebaute Strasse. Dies ändert sich am 1.August. Der 25-jährige Friedrich Stämpfli macht sich mit Hämmer, Schlegel und Bohrer ans Werk um die Lüderenalp zu erschliessen. Der Auftrag kommt von der Weggenossenschaft Wasen-Lüderenalp-Aeugstern-Gmünden. 400 Sitzungen soll es vor dem Bau gegeben haben. Inhaltlich ging es um die Streckenführung.

Beitrag von der Berner Zeitung vom 10. August 2019

Vor 100 Jahren wurde die Lüderenstrasse gebaut. Und zwar sowohl von Wasen als auch von Langnau her. Die Alp sollte künftig nicht mehr bloss über eine Art Wanderweg, sondern über eine richtige Strasse erreicht werden.

50 Pickel und Schaufeln, dazu Hämmer, Schlegel und Bohrer. Das schaffte der 25-jährige Friedrich Stämpfli an, damit er am 1. August 1918 einen Grossauftrag in Angriff nehmen konnte. Er wollte von Wasen her eine Strasse auf die Lüderen bauen. «Der Materialtransport erfolgte über Rollwagengleise und Doppelspänner», steht im Buch, das zur 100-Jahr-Feier der Langnauer Bauunternehmung Stämpfli erschienen ist. Dank einem Darlehen von 6000 Franken konnte Bauführer Friedrich Stämpfli die nötigen Vorinvestition tätigen und sein erstes Bauprojekt in Eigenregie ausführen.Unter Budget geblieben

Während Stämpfli mit Taglöhnern auf der Sumiswalder Seite Nagelfluh wegsprengte und -pickelte, nahm Ambros Marazzi vom Langnauer Gohlgraben her seine Arbeit auf. Die beiden Baumeister sollten eine Verbindungsstrasse von Wasen über die Lüderenalp bis nach Gmünden, im Gohlgraben, bauen. Weil sein Grossvater von Wasen her schneller oben angekommen sei als Marazzi, konnte er «äne abe» bis auf die Höhe des Alpbetriebs Aeugstern weiterbauen, liess sich Hannes Stämpfli erzählen. Er führt die Firma Stämpfli heute. Die beiden Baugruppen trafen also dort aufeinander, wo Johann Gerber wohnte. Er war der Präsident der Auftraggeberin, der Weggenossenschaft Wasen-Lüderenalp-Aeugstern-Gmünden. 400-mal sei er wegen des Strassenprojekts zu Sitzungen und Besprechungen ausgerückt, hat Gerber später rapportiert. Offeriert hatte Stämpfli seinen Teil der Arbeiten für 239 000 Franken, abgerechnet wurde nach vierjähriger Bauzeit unter Budget, mit 238 400 Franken. Das wird jene Männer gefreut haben, die im Februar 1913 zu einer ersten Versammlung einluden. Als Sekretär wirkte Jakob Held, der Wirt im Hotel-Restaurant Lüderenalp. Aber beim Projekt stand nicht die Förderung des Tourismus im Vordergrund, vielmehr versprach man sich von der Bergstrasse «eine bessere Bewirtschaftung der entlegenen Bergheimwesen und Alpweiden».

Zu diskutieren gab, ob von Sumiswald her der bestehende Weg über die Steinweid ausgebaut werden oder ob tatsächlich von Wasen her ein neues Trassee zu wählen sei. Alfred Gerber, der Urgrossenkel des ersten Präsidenten, weiss, dass auch von Langnau her verschiedene Strassenverläufe diskutiert wurden.Sumiswalds Interesse

Heute ist die Lüderenalp von beiden Seiten über eine durchwegs asphaltierte Strasse erreichbar. Während von Langnau her das Kreuzen an vielen Stellen nicht möglich ist, ist die Fahrbahn auf der Seite der Gemeinde Sumiswald breiter. Der Langnauer Alfred Gerber, der mit der Familie seines Sohnes auf Aeugstern lebt, meint den Grund für den bescheideneren Ausbau auf der Seite seiner Gemeinde zu kennen: «Die Langnauer werden sich gesagt haben, der Wirt bezahle ja in Sumiswald Steuern.» Das Hotel-Restaurant gehört gerade noch zu Sumiswald, während die Wiese, auf der jeweils der Lüderenschwinget stattfindet, auf Langnauer Boden liegt.

Wurde die Strasse einst für die Bauern gebaut, ist sie heute tatsächlich vor allem für Touristen wichtig. «Das zeigt sich deutlich bei schlechtem Wetter: Dann hat es hier fast keinen Verkehr», stellt Michael Hoff fest. Er ist seit zweieinhalb Jahren Geschäftsführer des Hotel- und Restaurantbetriebs und ist überzeugt: «Ohne die Strasse wäre die Lüderen nicht, was sie heute ist.» Sie ist ein beliebtes Ausflugsziel. Von hier sieht man bei schönem Wetter die ganze Alpenkette.Im Besitz der Gemeinden

Als Verbindungsstrasse zwischen Wasen und Langnau werde sie kaum genutzt, stellt auch Alfred Gerber fest. Und wenn doch, stecke meistens ein Navigationsgerät dahinter. So könne es durchaus vorkommen, dass ein Lastwagenfahrer in eine blöde Situation gerate. Aber das hundertjährige Bauwerk werde vorwiegend von Velofahrern und Ausflüglern genutzt. Und von Töfffahrern. Als die Strecke um die Jahrtausendwende durchgängig geteert wurde, habe man befürchtet, sie würde noch mehr Motorradfahrer anziehen, erinnert sich Gerber. Doch deren Zahl habe nicht zugenommen. «Denen hat es schon früher gefallen, wenn in den Kurven der Kies unter den Rädern wegspickte.» Apropos Kies: Gerber erzählt, wie er als Schulbub geholfen habe, mit einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Steinbrecher Ackersteine zu brechen, damit die Strasse mit neuem «Grien» habe ausgebessert werden können.

Seit den 1950er-Jahren gehört die Lüderenstrasse nicht mehr der Weggenossenschaft. Sie ging in den Besitz der Gemeinden Sumiswald und Langnau über. Auf den 4,2 Kilometern zwischen Gmünden und Lüderen entstünden den Langnauern pro Jahr Unterhaltskosten von etwa 11 000 Franken, teilt René Wyss von der Bauverwaltung auf Anfrage mit. Winterdienst und Behebung allfälliger Unwetterschäden seien nicht eingerechnet. Sumiswalds Bauverwalter Fritz Kobel gibt für die 5,4 Kilometer einen jährlichen Unterhalt von zwischen 20 000 und 30 000 Franken an. Dabei ist auch die Schneeräumung einberechnet, weshalb die Kosten stark variieren. Zu diesen trage vermehrt auch die Lüderen-Fluh mit Steinschlägen und Murgängen bei. 10 000 Franken übernehme die Gemeinde Trachselwald, ergänzt Kobel, da rund die Hälfte der Strecke auf deren Gemeindegebiet liege.

Die Weggenossenschaft existiert laut Alfred Gerber immer noch, obwohl sie keine Aufgaben mehr hat. Von den verbliebenen Mitgliedern sei eben niemand zeichnungsberechtigt, gibt der ehemalige SVP-Grossrat zu bedenken. «Es müsste erst eine Versammlung einberufen werden, dann müssten ein Präsident und ein Sekretär gewählt werden, damit diese die Auflösung in Gang bringen könnten.» Aber es stelle sich noch ein anderes Problem: «Ich finde nirgends Statuten», sagt Gerber. Und die wären wichtig. «Wir haben noch ein bisschen Geld. In den Statuten würde stehen, wie das Geld aufzuteilen ist.» Verschenken mag es Gerber nicht. Schliesslich hat er dank der Lüderenstrasse nicht bloss eine sichere Hofzufahrt, sondern auch ab und zu Umtriebe. Schon mehrmals hätten er und sein Sohn mit Traktor und Seilwinde Autos aus dem abschüssigen Gelände hochgezogen. Wenn wieder einmal ein Fahrer – vor allem in der Nacht – die engen Kurven unterschätzt hatte. (Quelle: Berner Zeitung, 10. August 2019)