Die Tabakfabrik wächst. Im Osten wird ein Erweiterungsbau eröffnet. Dies obwohl die Wirtschaftskrise noch nicht überstanden ist. Zigarren und Stumpen werden nun zusätzlich hergestellt. Die Grösse bringt aber auch eine neue und strenge Fabrikordnung. Diese wird im April 1933 vom Regierungsrat vom Kanton Bern genehmigt.

Wichtigste Fakten in Kürze: Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden. Gearbeitet wird 6 Tage. Die Arbeitsräume öffnen 10 Minuten vor der Schicht und schliessen 10 Minuten danach wieder. Im Gebiet der Fabrikgebäude ist das Spucken auf den Boden untersagt. In den Fabrikräumen müssen hierfür bestimmte Gefässe benutzt werden. Auch eine Fabrikpolizei gibt es. Diese stellt bei Wiederhandlungen auch Bussen aus. Diese sind zwischen 50 Rappen und einem Viertel des Tageslohnes. Im Interesse der guten Disziplin ist das Du gegenüber Vorgesetzten verboten. „Vermeide jede Unterhaltung“ – „Vermeide jedes Umhersehen“ – „Durch Urlaub fügt man sich Lohnschaden zu“ – „Nörgle nicht an den Anordnungen der Meister“ – „Werbe bei jeder Gelegenheit für unsere Produkte“ – sind nur wenige von 17 Punkten umfassenden Fabrikordnung mit dem Namen „Winke an unser Personal!“.

 

Aus der Chronik von Andreas Winkelmann:

Es fällt auf, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitnehmerinnen in diesem Text als „der Arbeiter“ bezeichnet werden. Folgende Punkte springen beim heutigen Lesen der Vorschriften ins Auge:

  • Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 48 Stunden, d.h. täglich 8,45 Stunden, an Samstagen 4,15 Stunden.
  • Die Arbeitsräume werden 10 Minuten vor Beginn der Arbeit geöffnet und müssen 10 Minuten nach Schluss der Arbeit verlassen werden.
  • Grösste Gewissenhaftigkeit und Fleiss in der Ausführung der übertragenen Arbeiten, sparsame Verwendung und sorgfältige Behandlung der Rohstoffe, sachgemässe und sorgfältige Behandlung der Werkzeuge, Maschinen, sowie des gesamten Mobiliars uns Einrichtungen, Reinlichkeit und Ordnung in allen Lokalen, Hofräumen und Abtritten.
  • Anständiges Benehmen gegen Vorgesetzte, Mitarbeiter und Untergebene wird jedem Arbeiter zur Pflicht gemacht.
  • Im Gebiete der Fabrikgebäulichkeiten ist das Spucken auf den Boden verboten, in den Fabrikräumen müssen hierzu bestimmte Gefässe benutzt werden.
  • Übertretungen der Vorschriften über die Arbeitsordnung und die Fabrikpolizei, sowie der genehmigten besondern Reglemente und der Vorschriften zum Schutze von Gesundheit und Leben der Arbeiter können mit Bussen von 50 Rappen bis zu einem Viertel des Tageslohnes im einzelnen Falle bestraft werden. Bussen werden bei Lohnzahlung abgezogen.

Die Bräuche sind hart, der Fabrikherr ist eindeutig am längeren Hebel. Bereits im Jahr zuvor wird die „Instruktion No. 60 an unsere Meister und Werkführer“ herausgegeben. Danach ist es „im Interesse der guten Diszpiplin“ strikte untersagt, das unterstellte Personal mit „Du“ anzureden. Und das ausgerechnet im Emmental! „Allem seit me nume Du“, heisst es im Lied „Niene geit’s so schn u luschtig“. Und da sollen Vorgesetzte ihre Untergebenen, die sich von klein auf im Dorf kennen und duzen, plötzlich ehren (?per Sie anreden)