Der «Rafrütimeteorit» fällt zu Boden. Der Bauer Heinrich Zürcher findet diesen und nutzt ihn bei der Tiertränke und als Bettflasche. Was für 5 Franken via Post und dann für 450 Franken zum Naturhistorischen Museum nach Bern wanderte.

«Eine feurige Kugel, welche alles taghell erleuchtete», habe sie in die Napfgegend fahren sehen. So hatte es die Luzernerin Marie Müller in Hüswil bei Zell beobachtet. Man habe das gleissende Himmelsphänomen so gedeutet, dass es bald Krieg geben werde zwischen Luzern und Bern. Und dass die Berner unterliegen würden – zumal das Ding, ein Meteorit, auf Berner Boden fiel. Die Frau, die das Ganze beobachtet haben wollte, war die 1827 geborene Mutter des späteren Lotzwiler Industriellen Robert Müller-Landsmann. Er wohnte später in Zürich und pflegte Beziehungen zum dortigen Landesmuseum. Diesem wollte er den Meteoriten sichern, liess dann aber später jenem in Bern den Vortritt. Grund, an den wundersamen Erzählungen seiner Mutter zu zweifeln, hatte Müller nicht. Sie sei «von Haus aus sehr intelligent und aufgeklärt gewesen», schrieb der Sohn. Kam hinzu, dass er auch Truber Bauern davon hatte erzählen hören.

Ein Klumpen aus Metall

Und tatsächlich. Laut den Berichten, die Jürg Rettenmund zitiert, fiel der Meteorit vermutlich auf Rafrüti vom Himmel. Der Historiker – und Redaktor dieser Zeitung – hat den Beitrag für das Oberaargauer Jahrbuch verfasst und beschreibt, wie dort ein entsprechender Klumpen gefunden wurde: Ein Hirte namens Heinrich Zürcher war 1886 dabei, einen Hang von Gestrüpp und Farn zu befreien, um einen neuen Kartoffelacker anzulegen. Etwa 30 Zentimeter unter dem Boden stiess er auf einen leicht ellipsenförmigen Brocken aus Metall. Gut 18 Kilo schwer, 27 Zentimeter lang, 16 Zentimeter hoch und 23 Zentimeter breit war das Ding. Zürcher habe angenommen, es handle sich um eine Kanonenkugel aus einem früheren Krieg. Gleichzeitig konnte man sich nicht vorstellen, wie ein Geschütz, das nötig gewesen wäre, um ein so schweres Projektil abzufeuern, in diese abgelegene Gegend bei der Lüderenalp gekommen sein sollte.

Wider den Frost

«Familie Zürcher nahm ihren Fund vorerst von der praktischen Seite», schreibt Rettenmund. Sie nutzte ihn als eine Art wärmende Bettflasche: In strengen Wintern, wenn das Wasser im Brunnentrog zuzufrieren begann, kam sie zum Einsatz. Dann wurde der Brocken aus dem Schopf geholt, in der Rauchküche ins Feuer gelegt, bis er rot glühte, und schliesslich mit einer Schaufel in den Brunnen befördert, «wo es zu sprühen, zu brodeln und zu zischen begann». So liess sich Rettenmund von einem Nachfahren erzählen, was die Grossmutter jeweils berichtet hatte. Mit der Zeit interessierten sich auch andere für die ungewöhnliche Bettflasche der Familie Zürcher. Der Dorfschmied von Wasen wollte das Objekt zum Altmetallpreis kaufen und bot den Findern einen Batzen pro Pfund an. Aber da kam Posthalter Fritz Meister dazwischen. Er wird als «ebenso eifriger wie fantasiereicher Naturforscher» beschrieben. Er ahnte, dass es sich bei der Bettflasche um einen Meteoriten handeln könnte und wandte sich an den Sekundarlehrer Fritz Wiedmer. Dieser ging hin, um vom Klumpen «mit grösster Anstrengung» ein paar Kubikzentimeter abzutrennen und als Probe ins Naturhistorische Museum nach Bern zu schicken. Und so kam es, dass der Brocken dorthin überführt wurde.

Der Rafrüti Meteorit

Dem Museum war der Neuzugang 450 Franken wert. Es waren der Posthalter und der Lehrer, die das Geld einsackten. Vorher hatten sie der Familie Zürcher ihren Fund für einen Fünfliber abgekauft. Das seien immerhin 12 Batzen mehr, als der Dorfschmied geboten hatte.

Eine Rarität

Als das Naturhistorische Museum Bern von dem ungerechten Handel erfuhr, reichte es den Findern eine Prämie und ein Geschenk nach. Jürg Rettenmund liess sich erzählen, dass die Prämie ausgereicht habe, um nun endlich eine richtige Bettflasche zu kaufen.

Bis 1900, als der Meteorit von der Rafrüti nach Bern transportiert wurde, waren in der Schweiz erst deren drei bekannt. 1698 war einer bei Walkringen beobachtet und gefunden worden. Doch zwischen 1712 und 1720 sei dieser aus dem Naturhistorischen Museum verschwunden. «Noch heute sind Meteoriten in der Schweiz nicht viel zahlreicher», schreibt Rettenmund. Einzig die vielen gezielt gesuchten Brocken eines Meteoriten vom Twannberg brächten mit 128 Kilo mehr Gewicht auf die Waage als jener von der Rafrüti.

Bis 2014 seien weltweit fast 60 000 Exemplare gezählt worden. Der grösste Teil stamme von gezielten Suchaktionen in Wüsten und der Antarktis. Man unterscheide zwischen Meteoriten aus Stein und solchen aus Eisen. Dass jener von der Rafrüti aus Eisen bestehen musste, ist für Rettenmund logisch. «Sonst hätte ihn der Finder kaum von anderen Steinen im geplanten Kartoffelfeld unterscheiden können.» (Quelle: Berner Zeitung BZ vom 08. Januar 2020)