Roland Holzer ist nicht mehr Gemeindepräsident. Morddrohungen sollen gegen ihn eingegangen sein. Gleichzeitig tobt weiterhin ein Streit über den Fortbestand der Oberstufe im Wasen. Ob die Morddrohungen aus dem Lager der Oberstufen-Befürworter kommt, bleibt unbeantwortet. Der sofortige Rücktritt ist Tatsache. Es kommt im Herbst zu Neuwahlen.

Bericht der Berner Zeitung BZ

Der Eklat um den zurückgetretenen Gemeindepräsidenten Roland Holzer nahm mit dem Streit um die Schule ihren Anfang. Einige meinen, dass sich an diesem Disput ein latent schwelender Konflikt zwischen Sumiswald und Wasen entzündet habe. Andere widersprechen.

Der Frühling hätte eigentlich längst Einzug erhalten müssen. Stattdessen ist es draussen kalt und grau, ein bleierner Nebel drückt schwer auf die Landschaft. So sieht derzeit die Wetterlage aus – und die gleichen Adjektive lassen sich momentan auch anwenden, um die Stimmungslage in der Gemeinde Sumiswald zu beschreiben. Freilich: Auskunft über die Stimmung nach dem Rücktritt von Gemeindepräsident Roland Holzer wollen die wenigsten geben. Und wer etwas sagt, will dies meist nur anonym tun. Man wolle nicht zusätzlich Öl ins Feuer giessen, so eine häufige Begründung. So haben auch die Gemeindebehörden unter Absprache mit Holzer beschlossen, sich vorderhand nicht mehr zum Thema zu äussern. Im vergangenen Dezember beschloss der Sumiswalder Gemeinderat, an der Oberstufe Wasen aufgrund sinkender Schülerzahlen eine Klasse zu schliessen. Die Schule stellte sich gegen dieses Ansinnen. Und auch die Interessengemeinschaft (IG) Oberstufen Sumiswald und Wasen nahm sich der Sache an und kämpfte – anders als 2011, als sie die Schliessung der gesamten Oberstufe verhinderte – erfolglos gegen den Entscheid. Roland Holzer wirft der IG vor, im Zusammenhang mit diesem Schulstreit gegen ihn eine «Hasskampagne» geritten zu haben und warnt die Bevölkerung von Wasen vor deren Aufwiegelei. Die IG bestreitet die Vorwürfe.

Sumiswald gegen Wasen?

Nicht wenige Stimmen behaupten, dieser Streit sei Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts: Die Dörfer Wasen und Sumiswald, zu einer politischen Gemeinde, aber zu verschiedenen Kirchgemeinden gehörend, würden sich nicht mögen. Gibt es im Wasen also einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem leicht grösseren, besser erschlossenen Sumiswald? Gemeinderat und Interimsgemeindepräsident Fritz Steffen, selber Wäseler, äusserte sich in einer ersten Stellungnahme jedenfalls in diese Richtung: «In Wasen hat man immer ein bisschen Angst, gegenüber Sumiswald benachteiligt zu werden.» Auch IG-Sprecherin Patrizia Napoleone sprach im Interview mit dieser Zeitung davon, dass sich der Wasen immer ein bisschen hintenanstellen müsse. Die ehemalige Gemeinderätin Eva-Maria Stoffel sieht ebenfalls einen solchen Gegensatz: Sie spricht davon, dass die IG «ein ganzes Dorf manipuliert und eine Gemeinde entzweit» habe.

Oder doch nicht?

Es gibt also Stimmen, die einen Graben zwischen den Ortsteilen Sumiswald und Wasen erkennen. Andere jedoch wehren sich gegen solche Feststellungen. Der Lehrer Dieter Siegrist etwa, der die Sumiswalder Gemeindechronik Streiflichter verfasst hat, wiegelt ab: «Ich selber habe noch nie erlebt, dass zwischen Sumiswald und Wasen der Austausch von Sprüchen und ‹Nettigkeiten› über das humorvolle Necken hinausgegangen wäre.» Auch während seiner jahrelangen Arbeit am Buch habe er nie eine zweigeteilte Gemeinde entdeckt. Fritz Balz aus Wasen politisierte 16 Jahre in der Sumiswalder Exekutive. Auch er sieht keinen tiefen Graben zwischen den Gemeindeteilen: «Natürlich hat es immer Gegensätze gegeben, man hat sich manchmal auf die Schippe genommen. Einzig beim Thema Feuerwehr gab es hin und wieder Unstimmigkeiten.» Er kann ob der zerfahrenen Situation nur noch den Kopf schütteln: «Dieser Disput hat viel kaputt gemacht.» Im Umfeld der IG scheinen inzwischen nicht mehr alle vorbehaltslos deren Kurs zu stützen. Mindestens 1 von 11 Personen, die derzeit noch auf der Website als Mitglied aufgeführt wird und anonym bleiben möchte, hat sich mittlerweile distanziert.

Kritik vom Vorgänger

Zu Wort gemeldet hat sich auch Hans Haslebacher. Er führte die Geschicke der Gemeinde acht Jahre lang, bevor er 2008 Roland Holzer in einer Kampfwahl unterlag. Haslebacher spricht von einem «hinterhältigen Wahlkampf». Er, der die momentane Situation als «Dolchstoss ins Herz» empfindet, kritisiert die Schulpolitik seines Nachfolgers: Die Schliessung der Oberstufe Wasen 2010 sei «mangelhaft» vorbereitet worden, obwohl man wisse, «dass Änderungen von Schulstandorten die Emotionen hochgehen lassen.» Dass der Gemeinderat 2011 den Schliessungsentscheid auf Druck der IG rückgängig gemacht habe, «hat seine Position selber geschwächt und die der IG gestärkt.» Beide Seiten stünden nun als Verlierer da. Nun liege es am Gemeinderat, den «angeblichen Graben» zwischen Sumiswald und Wasen zuzuschütten. Die politischen Parteien, «allen voran die Freien Wähler», tragen eine Mitverantwortung an diesem Schlamassel, bilanziert Haslebacher.

Der Pfarrer ist tief besorgt

Die gehässige Atmosphäre, die derzeit in Sumiswald herrscht, wühlt nicht nur ehemalige Gemeindepräsidenten auf. Bernard Kaufmann, der sieben Jahre als Pfarrer von Wasen amtete und seit einem halben Jahr stellvertretender Pfarrer von Sumiswald ist, wendet sich in einem Brief an die BZ. Er schreibe, weil er sich grosse Sorgen um das friedliche Zusammenleben in Wasen mache. «Was eure Meinungsverschiedenheiten zu eurer Schule betrifft, will ich mich nicht. äussern», so Kaufmann, «was mich aber betroffen macht, ist die Art und Weise, wie ihr in dieser Sachfrage miteinander umgeht.» Es dürfe nicht sein, dass ein Gemeindepräsident, ein unbescholtener Mann, der sich mit allen seinen Kräften für das Wohl der Gemeinde eingesetzt hat, derart diffamiert und mit wüsten Anschuldigungen angegriffen wird, sodass sich auch seine Familie bedroht und verängstigt fühlt. Kaufmann schliesst sein Schreiben mit einem Aufruf: «Ich habe euch, liebe Wäselerinnen und Wäseler, als offene und faire Menschen erlebt, die fähig sind, einen Konflikt sachlich und respektvoll zu lösen, auch wenn ihr verschiedener Ansicht sein mögt. So bitte ich euch inständig, friedlich und respektvoll das Gespräch zu suchen und eure gegensätzlichen Standpunkte fair miteinander auszutragen.» Die Wogen in Sumiswald gehen hoch – und werden sich auch über Ostern nicht glätten. Das Dorf erlebte schon fröhlichere Festtage.